Der Gewaltaspekt

Immer wieder stellt sich bezüglich der Frage eines Systemwechsels auch die Frage nach der Notwendigkeit zur Anwendung von Gewalt. Anstoß zu diesen Gendanken gaben diese beiden Artikel der RSO vom September 2007 und speziell ein Artikel der Linkswende vom April 2001, welcher Gandhi's Weg der Gewaltfreiheit kritisiert.

Gandhi

Zunächst ist festzuhalten: Gandhi war kein erklärter Sozialist oder Kommunist, obwohl er mit diesen Haltungen sympathisierte und diese anscheinend versuchte schrittweise durchzusetzen. Dennoch ging es Gandhi vorrangig um die Verbesserung der Lebensumstände der indischen Bevölkerung. Er hatte (offiziell) nie die Absicht, Indien in den Sozialismus zu führen, schon gar nicht in einer gewalttätigen Revolution. 1

Auf Grund seiner, auch militärischen Erfahrungen hat Gandhi verstanden, dass das Prinzip des alten Testanments, "Auge um Auge, Zahn um Zahn", nicht funktioniert. Er hat verstanden, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sich somit eine Spirale der Gewalt in Gang setzt, wurde einmal damit begonnen. Betrachtet man seine Ausgangslage war und ist diese Haltung mehr als nachvollziehbar. Das britische Imperium war den afrikanischen und indischen Ureinwohnern militärisch und in Bezug auf die repressiven Mittel weit überlegen.
Waffen und ihr Unterhalt kosten Geld, das damals noch weniger in der südafrikanischen und indischen Bevölkerung vorhanden war als heute. Selbst wenn, hätte man dadurch nur britische oder allgemein westliche Rüstungsfirmen unterstützt und somit die eigene Unterdrückung gefördert und finanziert - abgesehen davon, dass zu den bereits geschehenen grausamen Blutbädern noch einige Tausend hinzugekommen wären. Allein schon von dieser Seite wären und waren gewaltsame Aufstände Mittel, die mehr die eigene Bevölkerung als weniger die Besatzer getroffen hätten.

Hätte Gandhi zu Gewalt aufgerufen, hätte er der britischen Regierung weitere Möglichkeiten gegen Ihn in die Hand gegeben. "Als wieder Unruhen in Indien aufflackerten, wurde Gandhi am 3. Januar 1932 abermals inhaftiert." (Quelle: http://www.dieterwunderlich.de/Mahatma_Gandhi.htm)

Kriegsfolgen

Seine Biographie 1 zeigt durchaus, dass er seiner Familie und seinem Land sehr verbunden war. Selbst wenn die indische Bevölkerung es geschafft hätte, einen Bürger- oder Guerillakrieg vom Zaun zu brechen, was wäre damit gewonnen? Krieg verursacht Hunger. Anbauflächen und Kulturstätten werden geschädigt oder gar vernichtet. Krieg zerstört Familien und Kultur, zerstört Infrastruktur, Häuser, Dörfer, Städte und Natur. Also was außer Leichenbergen und einem Elend der Überlebenden wäre damit gewonnen, insbesondere gegenüber einer solch militärischen Übermacht? Welche im übrigen genau dann einen Grund gehabt hätte, weiter aufzurüsten und das indische Volk noch mehr zu unterdrücken (Druck erzeugt Gegendruck, Gewalt erzeugt Gegengewalt)
Genau wie in der heutigen Zeit wäre ein sinnloses, kostspieliges Wettrüsten entstanden. Wir erleben heute jeden Tag, was aus solchen gewaltsamen Aufständen erwächst.

"Der Vietnamkrieg forderte etwa drei Millionen Todesopfer, davon waren zwei Millionen Zivilpersonen. Vier Millionen Menschen erlitten schwere Verletzungen."" (Wikipedia)

"Die Wahrheitskommission für das lateinamerikanische Land hat die vermutete Zahl der Opfer auf 40.000 bis 60.000 hinaufgesetzt, wie der Präsident des Gremiums, Salomon Lerner Febres, am Dienstag (Ortszeit) bei den Vereinten Nationen in New York erklärte. Darin enthalten seien 7.000 bis 8.000 Menschen, die schlicht verschwunden seien." (http://derstandard.at/1334721 zum Guerillakrieg in Peru)

... und die Liste könnte fortgesetzt werden. Nicht jeder Angehörige dürfte dabei für die 'Geburtswehen der Revolution' Verständnis haben. Es zeigt sich, dass das Verständnis dafür sinkt, je näher einem das Opfer steht. Ja sogar so tief, dass einige mit Überzeugung, ja, Leidenschaft bereit sind, die 'eigene Seite' zu verraten. Das gilt sowohl für die Seite der Unterdrücker als auch für die Seite der Unterdrückten.

- Bezug -

Die im Artikel der Linkswende beschriebenen Handlungsweisen waren nie gegen das eigene Volk gerichtet, auch nicht die Anweisung, den britischen Gesetzen zu folgen, auch nicht die im Text beschriebenen Anweisungen 4 und 6 (um etwas Abzukürzen). Ihm war klar, dass eine Änderung der indischen Gesellschaft nicht von heute auf morgen stattfinden kann, wie sie das hitzige Gemüt einiger Linken fordert. Gandhi folgte nicht nur konsequent dem Weg der Gewaltfreiheit (aus welchen Gründen auch immer; es ist möglich, dass hier auch religiöse Gründe eine Rolle spielten) sondern er setzte auch Prioritäten. Hätte er während der britischen Besatzung die indischen Bauern gegen die Großgrundbesitzer aufgebracht, wären dieses innere Unruhen gewesen, also eine Instabilität des Landes. Das wäre ein weiterer Grund für die Briten gewesen, militärische Mittel einzusetzen, "um das Land zu stabilisieren" (siehe z. B. heute Europa-usa ./. Afghanistan). Somit ist die seine erste Priorität nachvollziehbar: die britische Herrschaft in Indien zu beenden bis hin zu dessen Autonomie. Auch wenn er deren Legalität angeblich nie in Frage gestellt hat, so hat er sie dennoch immer weniger akzeptiert.

"Die Briten waren mittlerweile bereit, Indien als Dominion anzuerkennen, aber Gandhi bestand auf der vollen Unabhängigkeit seines Landes." (Quelle: http://www.dieterwunderlich.de/Mahatma_Gandhi.htm)

Man Bedenke: seine erste Intention war nicht, die Befreiung Indiens von den Briten, sondern die Gleichstellung indischer und britischer Einwohner. Erst mit der Zeit erkannte er offensichtlich, dass die Herrschaft der Briten seinem zweiten Ziel, der Änderung der indischen Gesellschaft, im Wege stand, ja dieses sogar verhinderte. Seine Handlungen legen die Vermutung nahe, dass Gandhi zumindest mit dem Gedanken spielte, in Indien den Kommunismus umzusetzen. Allerdings nicht dem Beispiel Lenins oder Maos folgend, also nicht in Form einer 'von oben gegebenen Doktrin'.

Wege

Gandhi war bewusst, dass Hass, Gewalt und Zerstörung nicht der Weg zum Ziel sein konnten. Er folgte im Gegenteil der Strategie, die Kraft, die Aggressivität des Gegners für sich zu nutzen. Das Prinzip einiger asiatischer Kampfsportarten. Wäre es allein nach ihm gegangen, hätte er diesen Weg auch weiterhin verfolgt. Aber auch seine Nachfolger hielten und halten nichts von diesen Grundsätzen. Sie lassen sich lieber von der glitzernden Geld- und Konsumwelt des Westens blenden und drängen danach, den Kapitalismus weiter in ihrem Land zu forcieren.

Gewaltfreiheit ist also durchaus ein sehr geeignetes Mittel, um Revolutionen zu führen, wenn auch mit weit weniger spektakulären, 'heroischen' Taten. Allerdings erfordert ein solches Vorgehen weit mehr Besonnenheit und vorausschauendes Denken als wildes, lautes, ungestümes und unüberlegtes Säbelgerassel im Hexenkessel.

Gewalt und Aufruhr sind hingegen geeignete Mittel, um von sich Reden zu machen und andere Menschen dazu zubringen, sich blindlings für ihre Ziele ins Schwert zu stürzen. Und das ohne auch nur die geringste Garantie dagegen, ja sogar mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass die ganze Sache schief geht, die Ziele der Schlacht, des Kampfes nicht erreicht werden und diese Menschen mehr als sinnlos geopfert werden.

"Der Krieg ist ein Massaker von Leuten, die sich nicht kennen, zum Nutzen von Leuten, die sich kennen, aber nicht massakrieren. (Paul Valery, fr. Schriftsteller, 1871 - 1945)"
Und das ist bei massenhaften gewaltsamen Auseinandersetzungen nicht viel anders, seien es nun Bürger- oder Bruderkriege, seien es Aufstände oder gewaltsame Revolutionen.

Gandhis Handlungen zielten also keineswegs darauf ab, zu verhindern, dass man sich gegen Ausbeutung, Unterdrückung und andere Repressionen wehrt. Das Wehren geschah nur auf eine andere Weise und dort wo das Wehren auch sinnvoll war. Die Gewalt des Systems kann nicht durchbrochen werden, in dem man eine Gegengewalt aufbaut (was das oben genannte bestätigt), sondern in dem man die Gewalt des Systems ins Leere laufen lässt. Je mehr Gewalt vom System angewandt wird, desto mehr kann sich dessen eigene Gewalt gegen das System selbst richten. Als ob man einem Angreifer ausweicht und gegen die Wand laufen lässt.

Gerade die vor kurzem stattgefundenen Studienproteste haben das gezeigt, als sich konsequent niemand als Sprecher für die anderen meldete, also keine "Führungsstruktur" im klassischen Sinne vorhanden war. Somit fand der politische Druck, die politische Gewalt keinen Angriffspunkt, was die staatliche Seite völlig Handlungsunfähig machte, es fiel aus ihrem bekannten und gewohnten Schema. Es hat gezeigt, dass das kapitalistische System auf Strukturen, die anders sind als die eigenen, nicht reagieren kann. Es ist starr und unflexibel.

Sicher ist es notwendig, dass auch die linken subversiven Kräfte noch mit dieser Form des 'Kampfes' umgehen lernen, aber es wirkt ohne zu zerstören. Es ist nicht möglich, zumindest nicht mit sinnvollen Folgen, die Gewalt mit Gewalt zu 'durchbrechen', wenn diese von einem gewaltbasierten, gewaltbereiten und kampferfahrenen System ausgeht.

Lehrling gegen Meister

Es ist sinnlos ein Heer von Arbeitern mit, egal welcher Art von Schusswaffen gegen eine kampferprobte Armee zu schicken. Genauso wie es sinnlos ist, zu versuchen, als Anfänger des Schachspiels gegen einen Schachweltmeister zu gewinnen oder als Freizeitläufer ernsthaft gegen Tyson Gay anzutreten. (Ich hoffe es wird deutlich, was ich sagen will)

Um überhaupt eine Chance zu haben, die Staatsgewalt (von welchem Staat auch immer) in jenem Sinne zu 'durchbrechen', wäre eine (para)militärische Ausbildung notwendig, was eben letztlich zu kriegerischen Zuständen führt, mit allen beschriebenen Folgen.
Damit würde man nichts anderes tun, als sich anzupassen, sich den Spielregeln dieses Gegners zu unterwerfen. Man würde das fördern, was man zu bekämpfen sucht. Jedes noch so ehrlich gemeinte Bekenntnis zur Gewaltfreiheit verkommt damit zur leeren Worthülse. Genau wie die Versprechungen und Lippenbekenntnisse der populären Akteure des Kapitalismus.

1: Wikipedia: Mohandas Karamchand Gandhi: de.wikipedia.org/wiki/Mohandas_Karamchand_Gandhi